Neues Denken

– oder warum wir Afrika nicht helfen können

Am 18. Mai 2018 war ich zum zweiten Mal bei den Toleranzgesprächen in Fresach zur Diskussion geladen. Mit der Ausgangsfrage:

Waren die offenen Grenzen ein falsch verstandenes liberales Konzept?

Natürlich nicht, war meine kurze Antwort.

Aber, ein anderes Umfeld erfordert ein anderes Denken.

Die vernetzte globale Gesellschaft – mit Globalisierung, Konnektivität, Mobilität, globale Wissenskultur, digitale Transformation, New Work, etc. – lässt bisheriges Denken vor allem für Afrika alt aussehen.

Die zentrale Herausforderung der Migration bekommen wir mit „Willkommenskultur“ versus „Abschottung“ nicht in den Griff.

Aus der Organisationstheorie wissen wir, dass der größte Feind von Veränderungen das alte Denken ist. Deswegen sollten wir bisherige Grundannahmen hinterfragen und Tabuthemen ansprechen:

Afrikaner drängen nach Europa, weil sie immer ärmer werden!
– Nein, weil sie immer weniger arm werden. Die meisten afrikanischen Ländern entwicklen sich wirtschaftlich gut, immer mehr Menschen kommen aus der absoluten Armut heraus und haben erstmals die Möglichkeit, sich sozial und räumlich zu verbessern.

Zusätzliche Arbeitsplätze in afrikanischen Ländern vermindern die Emigration!
– Nein, Studien belegen, dass in der derzeitigen Entwicklungsphase der afrikanischen Länder eine bessere wirtschaftliche Entwicklung die Emigration erhöht.

Europa muss die Probleme Afrikas lösen!
– Nein, noch kein Land hat sich auf Basis externer Hilfe und externer Interventionen nachhaltig entwickelt.

Falscher Umkehrschluss

„Das heißt, wir müssten schauen dass sich die afrikanischen Länder weniger gut entwickeln, damit weniger Menschen zu uns kommen?“ – Das war die schnelle Antwort in einer emotionalen Diskussion. Aber dieser Umkehrschluss ist unzulässig.

Zu allererst, weil er unserem humanistischen Menschenbild widerspricht. Dann, weil wirtschaftliche Entwicklung nicht umkehrbar ist (außer unter großen Disruptionen).

Und überhaupt, weil genau diese Argumentation auf einem Denken fusst, das uns nicht weiterbringt: Wenn nicht Afrika helfen, dann abschotten! Mühle auf, Mühle zu.

Neues Denken

Wie aber kommen wir zu neuen Möglichkeiten für unsere Politik und unser aller Handeln?

Zunächst müssen wir die Natur und das Ausmaß des Wandels erfassen: Die Arbeitsteilung der Menschheit wurde mit dem letzten Globalisierungsschub endgültig auf globale Ebene gehoben.  Zunehmende Arbeitsteilung und zunehmender Austausch von Gütern und Dienstleistungen sind Konstante der Menschheitsgeschichte. Seit der erste Faustkeil erfunden wurde!

Heute sind Globalisierung und Digitalisierung die sich gegenseitig verstärkenden Treiber hinter dieser Entwicklung.

In den afrikanischen Ländern heißt das mittlerweile: Vernetzung statt Isolation.

Dann sollten wir die weitreichenden Folgen dieser Vernetzung für afrikanische Länder erkennen: Anschluss an die globalen Wertschöpfungsketten, Zugang zur globalen Wissensgesellschaft, Überspringen von Technologien und eigenständige afrikanische Innovationen. Damit einher geht auch ein agiler Mindset, der in afrikanischen Ländern mittlerweile viel öfter anzutreffen ist, als bei uns in Europa.

Neuer Möglichkeitsraum

Damit tut sich für die Politik und für unternehmerisch denkende Menschen in Europa ein ganz neuer Möglichkeitsraum auf.

Es geht schon lange nicht mehr darum, Afrika zu helfen. Das wäre bloss Fortführung alter kolonialer Tradition mit all ihren Bürokratien und einseitigen Abhängigkeiten.

Nein, es geht um kluge Politik, die unternehmerische Zusammenarbeit ermöglicht. Dort, in den afrikanischen Ländern, wo europäische Organisationen sich vernetzen und gute Geschäfte zum beiderseitigen Vorteil machen können. Und hier, in Europa, wo Mobilität und Migration genau die Afrikanerinnen, Afrikaner und afrikanische Unternehmen und Organisationen (!) zu uns bringen sollen, die einen Beitrag zu unseren Unternehmen und Organisationen und zu unserer Gesellschaft leisten können.

Toleranzgespräche Fresach 2018Foto: Gerhard Kampitsch

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.