Der mobile-only Kontinent

Der Beitrag „Der mobile-only Kontinent“ erschien am 26. März 2021 bei CreatingCorporateCultures, einer Initiative der Bertelsmann Stiftung.

Mit Maryanne und Amollo bin ich im Kaffeehaus in Nairobi verabredet. Zur Vorbereitung einer „Learning Journey“ auf den mobile-only Kontinent. Amollo sitzt bereits da. „Maryanne kommt nicht. Sie ist in der Hafenstadt Mombasa hängen geblieben.“ Wir sind sauer, Maryanne soll unseren Kaffee und Kuchen bezahlen. Am Ende unserer Besprechung schicken wir ihr das Foto der Rechnung mit einem Augenzwinkern. Wenige Minuten später hat der Kellner die Zahlungsbestätigung. Wir verlassen das Lokal.

Die einfache Bezahlung von Rechnungen durch Dritte, die sich räumlich an ganz anderen Orten aufhalten, ist bei uns in Deutschland oder Österreich so nicht möglich. In afrikanischen Ländern ist sie Standard. Eine Innovation, geboren aus dem immer wiederkehrenden Bedarf, Familienmitglieder aus der Ferne durch Geldzahlungen zu unterstützen.

Eine typische Innovation für den mobile-only Kontinent, dort, wo der Masseninternetzugang von Beginn an über das Mobiltelefon erfolgt ist.

Doch wie konnte es dazu kommen?

Mobile Revolution

„Wenn du weit weg vom Dorf deiner Mutter wohnst und mit ihr sprechen willst, musst du womöglich eine 7-Tagesreise unternehmen. Wenn du bloß ein Gerät zur Hand nimmst und mit ihr sofort sprechen kannst, was wäre der Wert davon? Wie viel Geld würden sich die Menschen ersparen? Wie viel Zeit?“ – Mo Ibrahim ist im Sudan und in Ägypten aufgewachsen und kennt das Leben und die Probleme der Menschen in afrikanischen Ländern.

Während sich die Europäer noch dachten, die Armen Afrikas brauchen zuallererst Zugang zu Trinkwasser, Basishygiene oder Gesundheitsdienstleistung, gründete Mo Ibrahim im Jahr 1998 das Telekomunternehmen CELTEL. Dessen Mission: Die Erschließung des afrikanischen Kontinents mit Mobiltelefonie.

7 Jahre später, im Jahr 2005 hatte CELTEL 5,2 Millionen Kunden in 13 Ländern, unter anderem in Uganda, Malawi, Kongo-Kinshasa, Kongo-Brazzaville und Sierra Leone. Mo Ibrahim verkaufte das Unternehmen um 3,5 Milliarden US-Dollar. Heute ist es Teil von Airtel, das neben MTN, Orange und Vodafone zu den größten Mobilfunkanbietern Afrikas zählt, mit über 500 Millionen Nutzern (2019) allein in Sub-Sahara Afrika.

Mo Ibrahim hatte nicht in „Armutsbekämpfung“ investiert, er hatte ein Problem der Menschen erkannt und mit der Mobilfunktechnologie Lösungen angeboten. Während in Europa nur die wenigsten an einen Erfolg seiner Investition glaubten, waren die Menschen in Afrika von Anfang an Schlange gestanden, um SIM-Karten zu kaufen.

Mobile Money

Andere Rahmenbedingungen, andere Lösungen. In afrikanischen Ländern baute die Mobiltelefonie von Anfang an auf Gesprächsguthaben mittels Rubbel-Wertkarten. Die afrikanischen „Pre-paid-Systeme“ unterschieden sich in einem Punkt von unseren: Gesprächsguthaben konnten von einem Telefon aufs andere übertragen werden.

Das wurde massenweise genutzt. Menschen aus der Stadt schickten „Airtime“ an ihre Familien in den Dörfern. Diese waren plötzlich liquide und kauften damit im lokalen Geschäft oder am Markt ein. Mit „Airtime“ war plötzlich eine neue Währung im Entstehen.

Bald gab es in den afrikanischen Ländern geldpolitische Bestrebungen, diese Transaktionen zu verbieten. Doch in Kenia war gerade der Wirtschaftsprofessor Bitange Ndemo als Staatssekretär in die Regierung berufen worden. Für digitale Kommunikation zuständig, rief er die „digitale Revolution“ Kenias aus. Er brachte das Glasfaser-Seekabel und damit den Anschluss an die globalen Breitbandnetze, förderte lokale Tech-Hubs und vor allem verteidigte er den kenianischen Mobilfunkanbieter Safaricom gegen die kenianische Zentralbank.

So bekam im Jahr 2007 Safaricom – ein Joint Venture von Vodafone und dem kenianischen Staat – als erstes Telekomunternehmen eine eingeschränkte Banklizenz und konnte die Geldtransaktionen seiner Kunden legalisieren. Unter dem Namen M-Pesa war es allen Nutzern nun möglich, kleine Bankkonten am Telefon zu führen.

M-Pesa schrieb damit einen wichtigen Teil der Geschichte des mobile-only Kontinents. Heute gibt es über 50 mobile Banken in Afrika. Nachdem die Mobiltelefonie innerhalb weniger Jahre hunderten Millionen Menschen Zugang zu Kommunikation gegeben hatte, haben die mobilen Banken für diese Menschen ein paar Jahre später den Zugang zur Geldwirtschaft geschaffen.

Näher am Bedarf der Menschen

Wir sprechen von einem „Leapfrogging“ am mobile-only Kontinent, einem Überspringen von Entwicklungsstufen. Neben dem Masseninternetzugang über Desktopcomputer wurde die Festnetztelefonie, der Filialausbau der Banken oder der Vollausbau zentraler Stromnetze aus westlicher Sicht „übersprungen“. Aber eigentlich ist das kein Überspringen. Es ist ein eigenständiger Weg, mit eigenständigen digitalen Innovationen.

Vormoderne, landwirtschaftliche Gesellschaften sind plötzlich auf einen vernetzten digitalen Raum getroffen. Der im Vergleich zu uns ganz andere Bedarf vorindustrieller, großfamiliärer Strukturen hat neuartige Kommunikationslösungen entstehen lassen.

Da alte Technologien und massive Besitzstände den Weg nicht verbauen, entstehen in Afrika Innovationen näher am Bedarf der Menschen. Stromanschlüsse, die nicht ans nationale Stromnetz, aber an das Telefonnetz angeschlossen sind, Drohnen im Dauereinsatz für lokale Gesundheitssysteme, E-Commerce Netzwerke mit zigtausenden lokalen Agents.

Deswegen wird uns jeder neue Aufenthalt in einem Kaffeehaus in den Metropolen afrikanischer Länder immer wieder überraschen. Mit einer der neuen digitalen Innovationen des mobile-only Kontinents. Wie die Bezahlung von Kaffeehausrechnungen durch Dritte für mich eine war.


Weiterführende Artikel:


Veranstaltungen:

Am 28. April Online Workshop im Rahmen des CampQ der Bertelsmann Stiftung

Innovation Mission Dakar 28.-30. September 2021

Learning Journey Silicon Savannah, Nairobi, 21.-24. Februar 2022

Learning Journey Digital Ruanda, Kigali, 2.-5. Mai 2022

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