Agiles Wirtschaften: Warum Afrika die Welt verändern wird

Dieser Beitrag ist am 8.5.2018 beim Zukunftsinstitut erschienen.

Von uns fast unbemerkt, ist das urbane Afrika längst Teil der globalen Wissensgesellschaft geworden. Das Erfolgsgeheimnis: ein konsequent agiles Wirtschaftsdenken und -handeln.

Die Megatrends Globalisierung und Konnektivität haben Afrika in den vergangenen Jahrzehnten zu einem Teil der vernetzten globalen Gesellschaft werden lassen. So hat sich die Wirtschaftsleistung Sub-Sahara-Afrikas zwischen 2000 und 2015 verdreifacht, das Pro-Kopf-Einkommen wurde verdoppelt und die Armut deutlich zurückgedrängt. Doch die Entwicklung der afrikanischen Länder ist kein reiner Aufholprozess: Länder, die ohne vorherige Industrialisierung direkt in das Zeitalter der Globalisierung und allgegenwärtigen Konnektivität gelangen, betreten Neuland – und das lässt Neuartiges entstehen.

Ein Beispiel dafür ist die Erfolgsgeschichte des “mobile money”: Nach der rasanten Verbreitung von Wertkartentelefonen in Afrika kam es zu einem schwunghaften Handel mit “Airtime”. Die Idee, eine Mobiltelefonnummer gleichzeitig zur Kontonummer zu machen, wurde 2007 zunächst von einem Joint Venture aus der kenianischen Telekom und der britischen Vodacom umgesetzt. Diese Innovation wurde schrittweise entwickelt, mit Fokus auf die potenziellen Kunden, die zahllosen Afrikaner ohne Bankkonto.

Noch vor der Smartphone-Ära entstand so ein Produkt, das von hunderten Millionen Nutzern mit damals noch einfachen Tastentelefonen genutzt wurde – und ihnen innerhalb weniger Jahre einen Zugang zur Geldwirtschaft gab. Seit November 2017 bietet das französische Telekom-Unternehmen Orange auf Basis seiner afrikanischen Erfahrungen auch in Frankreich eine Komplettlösung für mobile Bankgeschäfte an. Das ist wohl der erste Versuch, mit einer in Afrika entstandenen Innovation einen modernen europäischen Markt zu erobern.

Ein anderes Beispiel sind die an das Mobiltelefonnetz angeschlossene kleinen Solaranlagen zur Stromerzeugung für ländliche Haushalte. Auch dabei war das Kundenproblem der Ausgangspunkt: eine Stromversorgung für hunderte Millionen afrikanische Haushalte zu finden. Wie beim mobilen Geld hatte man sich auch hier schrittweise einer Lösung genähert. Vom Prototyping, über “minimal viable products” bis zu den ausgetesteten und nun angebotenen Paketlösungen.

Heute kann sich ein ländlicher Haushalt im Paket ein einfaches Solarpaneel, Batterie, die notwendigen Elektroinstallationen und einen Fernseher auf Kredit kaufen. Rund 20 USD Anzahlung und 10 USD monatliche Rückzahlung, abgewickelt über die eingebaute SIM-Karte mit “mobile money”. Als Absicherung dient die mögliche Abschaltung der Stromversorgung. Die Kosten der Nutzer entsprechen ungefähr dem, was sie sich an Kosten für Brennholz und Petroleum ersparen. Eine echte Win-win Lösung für inzwischen mehr als eine Million Nutzer, die eine kleine Industrie geschaffen hat – inklusive dem deutschen Unternehmen Mobisol als einem wichtigen Anbieter.

Von Afrika lernen

Beide Beispiele zeigen: Die Unternehmer, die den Alltag der Menschen in vielen afrikanischen Ländern verändern und verbessern, sind geprägt von einem agilen Managementdenken, das in der westlichen Welt noch immer Durchsetzungsprobleme hat. Im Kern steht ein konsequent pragmatischer und kundenzentrierter Zugang: Wichtiger als Vertragsregelungen und das Abarbeiten fixer Pläne ist die Zusammenarbeit mit Kunden, das Reagieren auf laufende Veränderungen – und vor allem: funktionierende Produkte.

Die Vermutung liegt nahe, dass ein Überspringen von Entwicklungsstufen nicht nur Telefonnetze oder Bankfilialen betreffen wird. Denn das so genannte “Leapfrogging” findet auch im Mindset der Menschen statt. Afrikanische Länder wie Kenia, Ruanda, Ghana oder Nigeria haben daher längst zum Sprung in eine moderne “Entrepreneurial Society” angesetzt.

Wir Europäer sollten unsere Beziehungen zu afrikanischen Ländern deshalb grundsätzlich neu überdenken – und absteigen vom hohen Ross der Besserwisser. Uns sollte klar sein, dass sowohl die afrikanischen Länder als auch wir mit ganz ähnlichen Herausforderungen und Chancen der digitalen Transformation konfrontiert sind. Und dass die Voraussetzungen, diese zu bewältigen, sich global immer mehr angleichen.

Kreativökonomie, Massive Open Online Courses (MOOCs), lebenslanges Lernen, Open Science – der Megatrend Wissenskultur hat auch Afrika erfasst. Und mit Design Thinking, Coworking Spaces, Accelerators, Incubators und vielem mehr sind auch die Ansätze zum Thema New Work längst in afrikanischen Städten verbreitet und finden dort ihre spezifische Weiterentwicklung.

In international vernetzten Systemen entstehen Innovationen dort, wo das Umfeld eine echte Ko-Kreation befördert – das Zeigen die Erfolgsgeschichten des mobilen Geldes und der Kleinsolaranlagen. Afrikanische Länder bieten dafür besonders fruchtbaren Boden. Zum einen, weil viel größere materielle Bedürfnisse den Alltag bestimmen und ein großer Lösungsdruck herrscht. Zum anderen, weil afrikanische Länder unbelastet von allzu vielen alten Technologien und Besitzständen die Digitalökonomie erobern. Dadurch findet die digitale Transformation viel näher an den Bedürfnissen der Menschen statt.

Die Karten der globalen Wirtschaft werden neu gemischt. Und das Blatt könnte sich bald zugunsten jener Länder wenden, die das agile Mindset früher und besser umsetzen.

(Dieser Beitrag ist am 8.5.2018 beim Zukunftsinstitut erschienen.)

 

 

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