Nicht Angst, sondern Hoffnung treibt die Menschen in die Flucht

Mein Artikel, erschienen am 20. Juni auf Cicero – Magazin für politische Kultur:

Auch am Weltflüchtlingstag wird das Mantra „Fluchtursachen bekämpfen“ vielfach wiederholt. Damit nicht Millionen Afrikaner nach Europa drängen, soll es mehr Entwicklungshilfe geben. Für den Unternehmer Hans Stoisser ist das der falsche Weg. Wirklich helfen würde etwas anderes.

Mehr als drei Jahrzehnte lang hatte ich berufsbedingt das Privileg, in regelmäßigen Abständen immer wieder in dieselben afrikanischen Länder zu reisen, wo ich große Veränderungen feststellen konnte. In Kap Verde, Mosambik, Simbabwe, Uganda, Äthiopien, Tansania, Kenia, Angola, Namibia oder Senegal habe ich dabei mit Menschen zusammengearbeitet, die von Jahr zu Jahr besser ausgebildet waren, besser über internationale Politik und Wirtschaft Bescheid wussten und unter besseren Lebensbedingungen sowie einem immer dynamischeren wirtschaftlichen Umfeld lebten. Ich habe mit wenigen Ausnahmen stets ein Afrika der Vitalität und Lebensfreude erlebt, ein Afrika im Wandel, der gesellschaftlichen Innovationen, neuer Netzwerke und vor allem der boomenden Realwirtschaft. Laut Internationalem Weltwährungsfonds (IMF) hat sich die Wirtschaftsleistung Sub-Sahara Afrikas, also des Teils der Welt, wo wir die meisten Armen vermuten, zwischen 2000 bis 2015 verdreifacht. Und das Pro-Kopf Einkommen verdoppelt. Im Durchschnitt, inklusive aller sogenannten Failed States.

Angedockt und eingeloggt

Dahinter steht ein dramatischer Einschnitt: Die afrikanischen Länder haben angedockt an die Weltwirtschaft und ihre Mittelschicht hat sich eingeloggt in die globale Wissensgesellschaft.  Die Menschen der Generation Y, also die zwischen 1980 und 1995 Geborenen, rücken auf dem ganzen Kontinent viel früher als bei uns in Führungspositionen vor. Sie zeichnen sich durch die gleichen gemeinsamen Jugenderfahrungen aus, wie ihre Kollegen bei uns. Über Satelliten-TV und Internet waren sie mit der Welt verbunden. Damit ist eine neue und dynamische urbane Mittelschicht entstanden.

Da sind Menschen wie Sie oder ich: Bauingenieure, Architekten, Mediziner, Buchhalter, Sekretäre. Sie arbeiten als Sachbearbeiter, Abteilungsleiter oder politische Referenten in den Ministerien und als Techniker und Manager in den Telefongesellschaften, Wirtschaftsprüfungskanzleien und technischen Büros. Sie wohnen in den neuen Apartments, in Kleinfamilien mit ein, zwei oder drei Kindern, ganz nach westlicher Art. Und sie haben die gleichen Interessen wie wir, streben nach Sicherheit, Freiheit, Wohlstand und Sinnerfüllung.

Falsches Bild von Afrika

Die tatsächliche Größe der Mittelschicht wird unterschiedlich beziffert. Die afrikanische Entwicklungsbank schätzte sie einmal auf ein Drittel der Gesamtbevölkerung. Aber selbst wenn es nur 200 Millionen Afrikaner sind, stellen sie die kritische Masse, die das Schicksal des Kontinents bestimmen wird. Gleichzeitig ist auch die Zahl der in absoluter Armut lebenden Menschen, also diejenigen, die weniger als 1,9 US-Dollar pro Tag zur Verfügung haben, zurückgegangen. Ihr Anteil sank zwischen 1990 und 2015 von 57 auf 35 Prozent. Und trotz steigender Bevölkerungszahlen sinkt sie auch in absoluten Zahlen, laut Weltbank zuletzt von 393 Millionen im Jahr 2011 auf 347 Millionen Menschen im Jahr 2015.

Mit unserem alten Afrikabild im Kopf und in den Medien glauben wir im Gegensatz dazu aber weiterhin, dass die Armen immer ärmer werden. Und wir beklagen noch immer die Landflucht und sehen ausschließlich die Armen in den Slums der Städte. Dabei drängt die zunehmende globale Arbeitsteilung die Armut längst zurück und die Städte sind zu Motoren der Entwicklung geworden – mit einer Mittelschicht, die unser natürlicher Partner und für uns damit der größte Hebel für eine Zusammenarbeit ist. Wie aber passt der afrikanische Aufschwung zu den Bootsflüchtlingen, die in den Schlauchbooten über das Mittelmeer kommen, und zu den Millionen Afrikanern, die nach Europa drängen?

Afrikaner kommen, weil sie reicher werden

Das eine ergibt sich aus dem anderen: Die Afrikaner wollen nicht zu uns, weil sie immer ärmer werden, wie wir glauben, sondern weil sie immer weniger arm werden. Ein Mensch, der plötzlich nicht mehr gottgegeben als Selbstversorger ein Leben führen muss, wie es seine Vorfahren über Jahrhunderte geführt haben, der plötzlich über Fernsehen, Mobiltelefonie und womöglich Internet verbunden ist mit der Welt, der dank „mobile money“ an der Geldwirtschaft teilnimmt, der plötzlich regelmäßig in die nächstgelegene Stadt reisen kann – der will und muss sein Schicksal in die Hand nehmen. Und wenn nicht er, dann seine Kinder. Sie müssen hinaus und ihr Glück in der nächstgelegenen Stadt, in der Hauptstand des Landes oder eben in fernen Ländern suchen.

Studien zeigen: Wenn Menschen aus der absoluten Armut kommen und das durchschnittliche Einkommen von Gesellschaften steigt, von 500 Dollar im Jahr auf 1000, 2000 oder 8000 Dollar, nimmt die Emigration zu. Solange sich in afrikanischen Gesellschaften eine große Zahl von Menschen aus der absoluten Armut in Richtung untere Mittelschicht bewegt, wird ein Teil dieser Menschen emigrieren wollen. Wie das Atmen zum Menschen gehören Aus- und Einwanderungen zu sich verändernden Gesellschaften.

Migranten sind meist keine Flüchtlinge

An dieser Stelle gilt es die Unterscheidung hereinzuholen, die in der Migrationsdebatte immer wieder unter den Tisch fällt. Es gibt Menschen auf der Flucht und es gibt freiwillige (Arbeits-)Migranten. Erstere machen sich aus Angst auf den Weg, Angst vor Krieg oder vor Verfolgung zuhause. Zweite tuen dies aus Hoffnung auf ein besseres Leben, für sich und ihre Familie. Wenn wir nun von den Millionen Afrikanern sprechen, die vor den Toren Europas stehen, geht es fast ausschließlich um Migranten, und nicht um Menschen auf der Flucht. Dabei ist es nicht die Hoffnungslosigkeit, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel meint, die Menschen in die Emigration treibt und die wir bekämpfen müssen. Es ist vielmehr die Hoffnung, und die können und sollten wir nicht bekämpfen.

Mit Entwicklungshilfe gegen sogenannte Fluchtursachen vorzugehen, ist daher ein Kampf gegen Windmühlen, der niemals gewonnen werden kann.
Wie aber kann unter diesen Prämissen eine wirksame Migrationspolitik aussehen?

Asylsystem setzt falsche Anreize

Die Geschichte der Menschheit muss als „Flucht aus Armut und Krankheit“ (Angus Deaton, Wirtschaftsnobelpreisträger 2015) verstanden werden. Diese gilt es politisch zu begleiten und zu gestalten. Wir müssen uns bewusst machen, dass in einem immer vernetzteren Raum europäische Gesellschaften mit einem jährlichen Durchschnittseinkommen von 40.000 Dollar pro Kopf plötzlich auf afrikanische Gesellschaften mit 4.000 bis 8.000 Dollar treffen. Damit sollte es uns leichter fallen, die positive Richtung der afrikanischen Entwicklung zu erkennen. Und den Unterschied zwischen Flucht und Migration beziehungsweise Angst und Hoffnung als Motiv des Auswanderns zu erfassen.

Es würde uns auch klar werden, dass das falsche Anreize setzende Asylsystem geändert werden muss. Es erscheint absurd und letztendlich menschenverachtend, ein System zu betreiben, dass potenziellen Migranten (und nicht Menschen auf der Flucht) mit einer gewissen Überlebenschance ein Schlauchboot besteigen lässt, das genau mit dieser Wahrscheinlichkeit den Aufenthalt und damit ein Leben in Europa garantiert. Die Wurzel des Übels sind dabei nicht die Schlepper, die wir jetzt mit allen Mitteln bekämpfen. Das Problem ist das System.

Europa muss zu den Menschen kommen

Europa braucht eine Immigrationspolitik mit einer proaktiven Suche nach Zuwanderern, die zu uns passen. Derzeit aber können Menschen, die sich aus Hoffnung auf ein besseres Leben aufgemacht haben und in den meisten Fällen auch eine große Bereitschaft mitbringen, bei uns einen Beitrag zu leisten, fast ausschließlich über das Asylsystem nach Europa kommen. Wenn Europa die Dynamik des Handelns in unserer vernetzten globalen Gesellschaft wieder bestimmen will, muss es aber unbedingt auch dorthin gehen, wo die Menschen, die zu uns wollen, herkommen. Europäische Unternehmen, aber auch NGOs und kulturelle Initiativen müssen ausschwärmen und sich dort, in den afrikanischen Ländern, mit den afrikanischen Organisationen und der neuen Mittelschicht verbünden, vernetzen und gute Geschäfte zum gegenseitigen Vorteil machen.

Wir würden so den vielfältigen Reichtum und das Potenzial des Kontinents besser verstehen. Und in den afrikanischen Ländern würden wir lernen, was Migranten wirklich antreibt, was sie wollen und was sie können. Ein Erwartungsmanagement könnte zielgerichtet betrieben werden und insgesamt die Basis dafür sein, dass Immigranten und Zielländer besser zusammenpassen.

Speziell die europäischen mittelständischen Unternehmen haben großes Potenzial, ihren Kunden und Partnern in afrikanischen Ländern wirklichen Nutzen zu bringen. Mit Kartoffelerntemaschinen oder hochmodernem Schalungsmaterial kann zur afrikanischen Produktivität und Entwicklung wesentlich beigetragen werden. Und wenn das gelingt, auch zu Einkommen und Arbeitsplätzen bei uns in Europa. So könnte das neu erwachte Interesse Deutschlands, Europas und der G20 an Afrika zu einem Katalysator werden für eine fruchtbare und im positiven Sinne des Wortes interessengetriebene und damit nachhaltige Zusammenarbeit. Und diese endlich die lauwarm dahinplätschernde und wenig wirksame Entwicklungshilfe ablösen.

 


 

Hans Stoisser als Autor:

Der schwarze Tiger – Was wir von Afrika lernen können

von Hans Stoisser, Kösel Verlag,
ISBN 978-3-466-37125-9

 

Der schwarze Tiger - Was wir von Afrika lernen können

 

 

 

 

 

 

 

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