Flüchtlingshelferinnen auf Spurensuche

Fakten für die Migrationspolitik

„Flucht und Migration aus Afrika“ war das Thema meines Vortrags vor 150 Flüchtlingshelfern in Österreich am 29. November 2017.

Genauso schwer wie es für deutsche Banker war, anzuerkennen, dass auch Afrika modernste Innovationen hervorgebracht hat, konnten auch einige der Flüchtlingshelferinnen nicht wahrhaben, dass auf der Welt und in Afrika nicht immer alles schlechter wird.

Der Hintergrund: Noch kommen die meisten Asylanträge in Österreich von Menschen aus Afghanistan, Syrien und Irak. Doch die Zahlen gehen zurück und es werden mehr Menschen aus  Nigeria, Somalia und anderen afrikanischen Ländern erwartet.

 

Hunderte Millionen Afrikaner vor den Toren Europas?

Drängen wirklich immer mehr Afrikaner nach Europa?

Längst bestimmen die Ängste vor einem Zustrom der Armen aus der Welt Politik und Öffentlichkeit in Europa. Ängste, die populistische Politik so erfolgreich machen.

Warum gelingt es nicht, das Thema Migration auf den Boden einer rationalen Diskussion zu bringen?

Der jährliche UNHCR Bericht ist wenig hilfreich. Jedes Jahr verkündet er mit drastischen Schlagzeieln ein weltweites Mehr an Menschen auf der Flucht. Diesmal waren es 65,6 Million.

Aber diese Zahl sagt nichts aus über den Zustand der Welt. Denn die Zahlen betreffen nur die von UN-Organisationen betreuten Personen. Es wird nicht zwischen Flucht und Migration unterschieden. Und der Anstieg der Zahlen sagt eher etwas über die Kapazitäten der UN-Organisationen aus, als über das Ausmaß der Krisen auf der Welt.

Ein fixer Anteil der Weltbevölkerung emigriert

Das Wittgenstein Center in Wien und das Vienna Institut of Demography helfen uns da schon eher weiter. Sie machen aus den Bestandszahlen der UN „Bewegungsdaten“. So können wir das tatsächliche Ausmaß von Flucht und Migration abzuschätzen. Alle fünf Jahre emigrieren etwa 0,6% der Weltbevölkerung. Zwischen 1990 und 2010 war diese Relation ziemlich konstant. 41,5 Millionen Menschen waren es, die sich zwischen 2005 und 2010 ins Ausland aufgemacht haben.

Das Beratungsunternehmen McKinsey hilft uns abzuschätzen, wieviele Menschen insgesamt in der Emigration leben: derzeit knapp 250 Millionen weltweit. 10% davon sind Menschen auf der Flucht, die restlichen 90% sind „freiwillige“ Migranten.

Und McKinsey sagt auch gleich dazu, dass diese Migration die Leistung der Weltwirtschaft um etwa 4% permanent erhöht. Ein wichtiger Hinweis auf die Rolle der Migration für die Entwicklung sowohl der Zielländer, als auch der Herkunftsländer.

Flucht und Migration aus Afrika

Den Berechnungen des Wittgenstein Centers entnehmen wir auch die stetige Zunahme der Migration von Afrika nach Europa: von 0,8 Millionen Menschen (1990-1995), auf 1,4 Millionen (1995-2000), auf 1,8 Millionen  (2000-2005) auf 2,0 Millionen (2005-2010). (Jünger Daten sind noch nicht vorhanden.)

Migration von Afrika nach Europa

Die Migration von Afrika nach Europa (ca. +150% in 15 Jahren) hat sich damit deutlich überproportional zum Bevölkerungswachstum in Afrika entwickelt (ca. +50%).

Während sich die Wirtschaftsleistung Sub-Sahara Afrikas in diesem Zeitraum knapp verdreifacht hat.

Wie passt das zusammen?

Umdenken

Ich meine, das eine ergibt sich aus dem anderen:

Immer mehr Afrikanerinnen und Afrikaner drängen nach Europa nicht weil sie immer ärmer werden, wie wir glauben, sondern weil sie immer weniger arm werden.

Die afrikanischen Länder sind  Teil der vernetzten globalen Gesellschaft geworden. Viele Afrikaner/innen sehen zum ersten Mal die Perspektive, ihr Glück auch im Ausland zu suchen.

Auf eine nüchterne Analyse sollte eine unaufgeregte, aber zielgerichtete Politik folgen. Ein Umdenken steht am Anfang:

1.
Es gibt kein Horrorszenario einer globalen Völkerwanderung. Immer mehr Afrikanerinnen und Afrikaner drängen aber nach Europa, weil
– die afrikanische Bevölkerungzahl insgesamt steigt,
– es den AfrikanerInnen Schritt für Schritt wirtschaftlich besser geht,
– die Vernetzung in Afrika und nach außen zunimmt und
– das Entwicklungsgefälle groß ist und noch länger bestehen bleiben wird.

2.
Wir müssen zwischen Flucht (aus Angst sich auf den Weg machen) und Migration (aus Hoffnung auf ein besseres Leben) unterscheiden und mit unterschiedlichen Politiken darauf antworten.

3.
Wirtschaftsmigration ist grundsätzlich positiv zu sehen: In Afrika kommen  immer mehr Menschen aus der Armut, die afrikanische Diaspora ist ein wichtiger Treiber von Entwicklung. Und in Europa bringt geglückte Immigration mehr Einkommen und mehr Wachstum.

4.
Es gibt keine „Fluchtursachen“ der Migration die wir „bekämpfen“ können. Denn in der derzeitigen Entwicklungsphase in Afrika sind wirtschaftliche Entwicklung und Migration sich gegenseitig verstärkende Faktoren.

5.
Europa braucht Immigration, Afrika braucht eine Diaspora. Das sind die Ausgangspunkte für eine konstruktive Immigrations- und Vernetzungspolitik.

 

 

 

 

 

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