Investieren statt Helfen

Flüchtlingspolitik: Kann Entwicklungszusammenarbeit einen Beitrag leisten?

In den nächsten 20 oder 30 Jahren wird sich die Bevölkerung in Afrika auf 2,5 Milliarden Menschen verdoppeln. Wenn es keine wirtschaftliche Entwicklung gibt, stehen diese Menschen vor den Toren Europas“, sagte ein Vertreter einer Hilfsorganisation bei einer Diskussionsveranstaltung. „Deswegen müssen wir die Mittel der Entwicklungszusammenarbeit erhöhen.

Ich meine, so einfach ist es nicht und so stimmt das auch nicht.

Zumindest zwei Annahmen der Aussage sind zu hinterfragen.

 

Afrikaner vor den Toren Europas?

Flüchtlinge kommen nicht aus „Afrika“, sondern von ganz bestimmten Krisen.

Und: In Afrika insgesamt und in jedem seiner wichtigsten Länder ist seit geraumer Zeit das Wirtschaftswachstum größer als das Bevölkerungswachstum. Damit steigen die Pro-Kopf Einkommen und wirtschaftliche Entwicklung findet statt. Es ist das urbane Afrika das sich wirtschaftlich hochdynamisch zeigt und breiten Bevölkerungsteilen realistische Chancen gibt ihr Leben zu verbessern.

Nach dem Sommer der Flüchtlingsströme aber baut sich in Europa trotzdem eine immer größere Angst auf, bald Millionen von Afrikanern vor den Toren Italiens oder Griechenlands zu sehen. Das erscheint mir aber nicht begründet. Es gibt keinen grundsätzlichen „afrikanischen Bevölkerungsdruck“ den Europa auffangen muss.

Eine einzige Krise kann aber in unserer immer mobileren Welt immer wieder gewaltige Migrationsbewegungen auslösen. Das haben wir mit Syrien gelernt. Es aber gilt nicht nur für Afrika, sondern für die gesamt Welt.

 

Wirtschaftliche Entwicklung findet auch ohne Entwicklungshilfe statt

Zweitens ist die Annahme, dass der Wirtschaftsboom der letzten Jahrzehnte in den Emerging Countries etwas mit westlicher Entwicklungshilfe zu tun hat, falsch.

Die Treiber der Entwicklung sind vor allem die Globalisierung – also die Zunahme globaler Arbeitsteilung, Ausweitung der Wertschöpfungsnetzwerk, Verbreitung der Wissensgesellschaft – und die Digitalisierung. Die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien haben die Welt von Grund auf verändert und neuartige Möglichkeiten wirtschaftlicher Entwicklung entstehen lassen.

Die Entwicklungszusammenarbeit steht abseits dieser Dynamiken. Ihre Rolle beschränkt sich immer mehr auf die Ermahnung zu guter Regierungsführung. Aber Europa gelingt auch das immer weniger, da es seine Vorbildrolle verloren hat. Role Models kommen immer stärker aus Asien und besonders aus China.

 

Was tun?

Reinventing Cooperation – das war der Titel der Diskussionsveranstaltung am 29. September 2015 in Wien. Ich hielt eine Keynote zum Thema:

Kann die Entwicklungszusammenarbeit Katalysator für globales Engagement sein?

Globalisierung bedeutet im Kern zunehmende Vernetzung. Die Digitalisierung macht diese skalierbar. – Genau das, was die Entwicklungszusammenarbeit immer schon angestrebt, aber fast nie erreicht hatte. Das Plattformdenken und die Agilen Praktiken der digitalen Welt wären die neuen Modelle einer modernen Entwicklungszusammenarbeit.

Ich meine, die Entwicklungszusammenarbeit kann nur dann Auslöser dynamischer Entwicklungen sein, wenn sich ihre Institutionen und ihre Praktiken von Grund auf verändern.

Dafür müssten sechs Grundvoraussetzungen erfüllt werden:

  1. Die  Projekte (Produkte) begeistern die die Zielgruppe (Kunden).
  2. Die Digitalisierung wird mitgedacht und Tech-Start-ups sind Teil der Vorhaben.
  3. Die Institutionen der Entwicklungszusammenarbeit sehen sich nicht als Schiedsrichter der Entwicklung sondern als Teil des Systems und übernehmen Verantwortung.
  4. Die Interessen der Beteiligten inklusive der Hilfsorganisationen sind offen gelegt und klar gestellt.
  5. Die Beteiligten begegnen sich auf Augenhöhe.
  6. Es gibt keinen „großen Plan“, die Vorgehensweise ist immer iterativ.

 

Statt von Hilfsbudgets sollten wir von Investitionsbudgets sprechen. Denn es geht um Investitionen in die eigene und in die gemeinsame Zukunft.

Die Flüchtlingsströme des Sommers 2015 zwingen uns zu diesen Investitionen.


 

Hans Stoisser als Autor:

Der schwarze Tiger – Was wir von Afrika lernen können

von Hans Stoisser, Kösel Verlag,
ISBN 978-3-466-37125-9

 

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