Das Drama hinter dem Drama um die Entwicklungshilfe

„Mit diesen 17 Millionen Euro könnten wir 200.000 Menschen nachhaltig aus der Hungerzone befreien!“ So wehrt sich eine Hilfsorganisationen gegen die vom Parlament beschlossenen Kürzung der „gestaltbaren“ österreichischen Entwicklungshilfe von 72 auf 55 Millionen Euro im Jahr 2015. Die fortwährenden Mittelkürzungen und der darüber schon zum Ritual gewordene Streit der Regierung mit den Hilfsorganisationen sind das „Drama um die Entwicklungshilfe“ (Julia Herrnböck, DerStandard, 13.5.2014).

Doch dieser Streit ist unwichtig, er verdeckt um was es wirklich geht. Das eigentliche Drama liegt viel tiefer.

Zunächst eine notwendige Unterscheidung: Es gibt die Katastrophenhilfe mit dem Zweck, Menschen die von kriegerische Auseinandersetzungen oder Naturkatastrophen betroffen sind, schnell und wirksam zu helfen. Und es gibt die Entwicklungshilfe, die auf die längerfristige Entwicklung von Regionen oder Staaten abzielt.

Mit dem einleitenden Zitat rufen die Hilfsorganisationen mit den Argumenten der Katastrophenhilfe nach mehr Mitteln für die Entwicklungshilfe.

200.000 Menschen können heute nicht mit 17 Millionen Euro aus der Armut geholt werden. Nicht nachhaltig. Dafür braucht es verantwortungsvolle Regierungen, lokale Kooperationen, lokale Wirtschaftsstrukturen, Einbindungen in die globale Arbeitsteilung. Über nachhaltige Entwicklung in einer vernetzten Welt entscheiden keine bilateralen Entwicklungshilfeprojekte mehr.

Die Erklärung von Paris

Die Europäische Kommission und die meisten EU-Mitgliedsländer haben deshalb die Entwicklungshilfe auf eine andere Ebene verlagert, weg von direkten Interventionen hin zu institutioneller Kooperation. Infrastrukturen wie Straßen, Häfen, Kraftwerke, Wasser- oder Elektrizitätsversorgungen werden weiterhin im großen Still finanziert, genauso wie staatlichen Programme für das Gesundheitswesen, den Bildungsbereich oder den Rechtsbereich. Die Geberländer liefern dabei keine Kraftwerke mehr, bauen keinen Brunnen und überhaupt errichten Sie keine „anfassbare Hardware“. Sie beschränken sich auf das abstrakte Finanzieren und das abstrakte Beraten von lokalen Strukturen, die dann selbst die Leistungen zu erbringen haben. Die reinste Form dieser Hilfe ist der direkte Zuschuss vom Staatsbudget des Geberlandes an das Staatsbudget des Empfängerlandes, ohne Bindung der Mittel und ohne Bedingungen.

Seit 2005 gibt es dazu eine von Geberländern und Empfängerländern auf breiter Ebene unterzeichnete Vereinbarung, die „Erklärung von Paris“. Die Unterzeichner, haben sich dabei verpflichtet, erstens Hilfsgelder nur mehr für die von den Regierungen der Empfängerländer beschlossene Programme und Projekte zu verwenden, zweitens diese durch lokale Institutionen verausgaben zu lassen und drittens die Hilfsleistungen der einzelnen Geberländer aufeinander abzustimmen.

Damit wurde die Entwicklungshilfe zunächst auf die logisch nächste Ebene gehoben, „Hilfe zur Selbsthilfe“. Dem „Helfen“ liegt jedoch ein allgemein gültiges Paradoxon zugrunde: Gelingt das Herstellen der Selbstständigkeit und der Autonomie der Hilfsempfänger, entzieht dies den Helfern die Daseinsberechtigung.

Das eigentliche Drama um die Entwicklungshilfe

Die Welt hat sich dramatisch verändert. In den letzten beiden Jahrzehnten sind auch die ärmsten Länder Teil der weltweiten Wissens- und Kommunikationsgesellschaft geworden. Eine gebildete und in einer globalisierten Welt aufgewachsene Generation hat mittlerweile auch in den Ländern des Südens die Führungspositionen in Staat und Wirtschaft übernommen.

Globale Wertschöpfungsketten binden diese Länder in die Weltwirtschaft ein. Dank diesen globalen Vernetzungen sind im 21. Jahrhundert großflächige Hungerkatastrophen, wie wir sie noch aus den 1970er Jahren (Sahelzone) oder 1980er Jahren (Äthiopien) kannten, abgesehen bei von Menschen verursachten kriegerischer Auseinandersetzungen, nicht mehr möglich.

Seit dem Jahr 2000 ist die Zahl der in absoluter Armut lebenden Menschen um eine halbe Milliarde zurückgegangen. Ein Großteil der noch 850 Millionen absolut Armen lebt in Ländern mit (theoretisch) genügende Know-how und Ressourcen um die sozialen Probleme zu lösen. Diese Erfolgsgeschichte muss auch von vielen in der „Hilfsindustrie“ Tätigen ernst genommen werden. Denn an zwei Punkten stellt sie das System Entwicklungshilfe in Frage.

Erstens, China hat bereits Mitte der 1990er Jahre begonnen massiv in Afrika zu investieren. Im Windschatten folgten weitere Länder wie Indien, Brasilien, Indonesien, Malaysia, Thailand, die arabische Welt oder die Türkei. Im Gegensatz zu Europa verfolgen sie offen und direkt ihre politischen und wirtschaftlichen Interessen und verschaffen sich Markt- und Rohstoffzugänge. Sie verknüpfen ihre Interessen mit den Interessen der einzelnen armen Länder und machen „Geschäfte“. Damit wurde der Grundstein für den wirtschaftlichen Boom Afrikas gelegt. Ganz ohne Hilfsindustrie.

Zweitens, das System Entwicklungshilfe wird von vielen Empfängerländern nicht mehr gewürdigt. Viele dieser Länder sind auf der Suche nach Modellen für ihre politischen, sozialen und wirtschaftlichen Strukturen. Als Vorbild dienen jetzt immer mehr die staatskapitalistischen Modelle Asiens, eine autoritäre politische Führung in enger Verbindung mit ein paar wenigen privaten Raubritterkapitalisten. Dahinter steht ein Wertesystem, dem wir gerne das humanistisch-europäische gegenüberstellen würden. Aber das heutige Europa ist auf dem Gebiet der Ideen und Werte in den Ländern des Südens leider abgemeldet. Auch weil uns die Erklärung von Paris es nicht erlaubt, eigene Interessen zu vertreten.

Das Paradoxon des Helfens kann nicht außer Kraft gesetzt werden. Aus ethischen Gründen und wohl auch aus Gründen der Besitzstandswahrung halten wir am Hilfsdenken fest, obwohl Entwicklungshilfe insgesamt nicht sehr erfolgreich ist und obwohl die Empfängerländer diese immer weniger wollen. – Das nicht zu erkennen, ist das eigentliche Drama um die Entwicklungshilfe.

Die Zusammenarbeit Europas mit den Ländern des Südens braucht dringend eine neue Geschäftsgrundlage.

Eine neue Politik der Zusammenarbeit

Die Katastrophenhilfe steht außer Streit. Österreich soll seine dafür veranschlagten Mittel wie versprochen aufstocken, die Strukturen professionalisieren und einen eindeutigen und wirksamen Beitrag im internationalen Konzert der Helfer leisten.

Die Entwicklungshilfe in Österreich und auch in Europa ist aber auf neue Beine zu stellen. Gefahr ist in Verzug: Auf europäischer Ebene, da die öffentlichen Mittel immer knapper werden und Europa trotz eines erheblichen Geldeinsatzes die Globalisierung des Südens immer weniger mitgestalten kann. Auf österreichischer Ebene, da die bilaterale Entwicklungshilfe bereits bedeutungslos geworden ist.

Österreich könnte innerhalb der EU Vorreiter sein und als erstes Land aus der von der Erklärung von Paris geprägten Entwicklungshilfe austreten. Vielleicht hat Österreichs neuer Außenminister den Mut und das Geschick, eine neue Ära einer europäischen Interessens- und Kooperationspolitik mit den Ländern des Südens einzuleiten und damit das humanistisch-europäische Modell wieder in den globalen Wettstreit der Ideen einzubringen.

4 Kommentare

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  1. Arbeiten Sie auch in Kapverde? Auf Boavista, wo sehr viel investiert wird, haben im Laufe der Jahre Legionen von ausländischen Unternehmern ihr Geld im Meer versenkt, aus Naivität, Uninformiertheit oder verblüffender Dummheit. Die einheimischen Konsulenten,
    die die verunsicherten Ausländer „beraten“, verdienen auf deren
    Kosten, und bedenken nicht, dass ehrliches Engagement langfristig mehr
    Einkommen brächte. Die Großunternehmer, die nicht ans Land anstreifen,
    reussieren. Die einheimischen Unternehmer werken catch as catch can, meist
    ineffizient, nur via guter connections…..Dabei wäre gutes Unternehmertum auch
    hier, oder gerade hier, möglich. Wenn man die lokalen Bedingungen kennt und
    vernünftig vorgeht.
    Ich bin pensioniert, komme aus einem ganz anderen Bereich (Theater), wäre aber
    an Gedankenaustausch sehr interessiert. Mich irritiert und frustriert dieses
    ständige Scheitern hier (in Kapverde).
    Habe Ihren hervorragenden
    Artikel im Standard kommentiert:
    Ich verbringe seit langem viel Zeit auf den Kapverden und erlebe schmerzhaft die Fehleinschätzung des Westens in der Beziehung zu Afrika, die den Egoismus der lokalen Eliten übersieht, die nur an ihrem eigenen Wohlstand interessiert sind. Die
    Bevölkerung wird nur soweit befriedigt wie es zum Erhalt der Macht notwenig
    ist. Dass sie dabei ihren eigenen Reichtum langfristig untergraben, ist dabei
    kein Trost. Also volle Zustimmung zum neu Denken in der Entwicklungshilfe!
    ABER: Es braucht Investitionstätigkeit plus. Wer zahlt schafft an, die Zeit der
    verschämten Polical Correctness sollte angesichts des Verhaltens der
    afrikanischen Eliten der Vergangenheit angehören. Der Weg des von europäischen
    Unternehmen investierten Geldes müsste in einer offenen, rigiden und ständigen
    Kontrolle nachgeprüft werden. Die Themen sind nicht neu: Löhne,
    Sozialstandards, ein funktionierendes Rechtssystem, Sicherheit generell. Die
    lokalen Eliten denken diesbezüglich anders als wir, verbitten sich Ratschläge
    und jedes nicht-monitäre Hilfsangebot. Das ist ihr gutes Recht, aber wenn
    europäisches Geld investiert wird, sollten wir überprüfen können, ob unsere
    ethischen Standards eingehalten werden. So stelle ich mir Partnerschaft auf Augenhöhe
    vor. Den Chinesen wird die Sympathie der Eliten gehören, uns die der
    Bevölkerung.

    • Frau Frauendorfer, vielen Dank für Ihren Kommentar und ihre gelungene Beschreibung der Situation auf Kap Verde. Ich meine, dass diese in vielen afrikanischen Ländern nicht anders ist, zumindest nicht in Mosambik, nicht Äthiopien, und auch nicht in Südafrika. Auch deswegen erscheint mir die offizielle europäische Entwicklungszusammenarbeit auf Basis der Paris Declaration in einer Sackgasse. Political correctness ohne die Interessen der lokalen Eliten in Betracht zu ziehen, ist naiv. Und dann noch so zu tun, als ob Europa keine eigenen Interessen hätte, ist besonders unklug.
      Ihr Ansatz gefällt mir, es geht um die Sympathien der Bevölkerung. In einer immer vernetzteren und dezentraleren Welt wird der weltweite Austausch zwischen Menschen entscheidend sein.

      • hallo, ich habe
        leider keine erinnerung an eine begegnung, tut mir leid…..seit ich 1996
        anfing mit dem einzigen lokalen baumeister am rand von sal rei in der wüste ein haus zu bauen, ist entscheidendes passiert. nämlich das, was überall passiert, wenn das kapital ungeordnet ein land überschwemmt: einwanderung – entwurzelung – armut – verbrechen einerseits und korruption – reichtum auf der anderen. die anfänglich bemühte politik versteht sich seit jahren nur noch als geldbeschaffungsmaschine for politicians and friends. das volk ist frustriert, aber schweigt, denn alle haben immerhin ein bissl mehr als früher. die ital.unternehmer bauten mittelgroße hotels und appartmenthäuser (vorsorge, geldanlage), machten anfangs das schnelle geld, dann nur noch pleiten. unzählige
        hässliche bauten stehen leer, unverkäuflich und sinnlos herum (kein strom, kein wasser, kein bedarf).
        dann kamen die spanier, sie investieren im ganz großen stil (riesenhotels, Energieversorgung, flughafen), verhandeln nur mit der zentralregierung. sind im Stadtbild unsichtbar, die italiener dagegen sehr intergriert, sehr sichtbar. weisse machen mehr als ein drittel der bevökerung aus.
        die kapverdianische mentalität ist geblieben, was sie war, nur äußerlich agiert man ein wenig „europäischer“, auch professioneller.
        der tourismus boomt (tui mit nordeurop. ablegern + italiener). boavista ist noch nicht so verbaut wie sal oder gar die kanaren, die das große vorbild sind. als ich anfing mein haus zu bauen (habe über dieses abenteuer ein buch geschreiben), boten die italiener hübsche häuschen am strand an als teil einer hotelanlage. „ich gehe doch nicht zu den italienern ins ghetto“, sagte ich. 15 jahre später, also letztes jahr, habe ich in dieser anläge am meer ein haus um das ca 100 fache des ursprünglichen angebots gekauft. mein stadthaus erstickt im müll, im lärm, liegt mittlerweile am weg zu den slums, wo die betrunkenen, bekifften, gerne mal halt machen.
        mein anteil an „entwicklungshilfe“ : zwei mal einem jungen menschen
        eine existenz gegründet, einmal nur übers ohr gehauen worden, einmal auch noch ausgeraubt. bin aber nicht alleine mit meiner blödheit. ein reicher schwarzer wird kaum betrogen, ein „reicher“ weisser immer, wenn er so blöd ist es zuzulassen. heute weiss ich: man glaubt kein wort, gibt keinen pfennig, NIEMANDEM. sondern man schafft arbeit, die man 1:1 bezahlt. nicht ein cent vorschuss, kein vertrauen, nur facts, ergebnisse. das funktioniert sehr gut, sehr reibungslos. freundliche distanz beseitigt überforderung auf beiden seiten.
        die gerichtsbarkeit funktioniert nicht, beziehungsweise raffiniert getarnt
        gegen weisse.
        soziale tätigkeit macht man, wenn es einem ein bedürfnis ist und man keine unterstützung vom bürgermeister erwartet. kooperation heisst, dass einem zumindest kein stein in den weg gelegt wird, und man den stempel der stadt als Gütesiegel für seine eigenen sozialen aktionen verwenden darf.
        ein unternehmensberater fände in kapverde ein weites feld! bei schwarz und weiss!!! die unfähigkeit ist auf allen seiten hoch!
        wie schafft man bananen von einer insel zur anderen, ohne dass sie am ziel vergammelt sind und dabei doppelt soviel kosten wie am naschmarkt in Wien, weswegen sie nicht gekauft werden, ein nie endender kreislauf, der zur spirale wird…..man klagt und macht immer so weiter, so ist das leben, schicksal….
        die chinesen haben eine sensationelle neuerung gebracht: sie verkaufen, was die kapverdianer immer schon haben wollten. aber manches verkaufen auch sie nicht, und drum verkauft es niemand. also kauft man schrauben und muttern in Italien und hofft, dass man jemanden kennt, der jemanden kennt, der aus Italien nach boavista fährt und das zeug mitbringt.
        oder: wie bringe ich als chef die leute dazu wirklich zu arbeiten? etc etc….

  2. Ich war zwischen 1982 und 1984 , 4mal auf den Kapverden. Es war ein oesterreichisches Entwicklungshilfeprojekt in Santa Cruz auf Santiago. Wir bauten einen schlachthof, samt energieversorgung.
    Ich war fuer das Elektroprojekt und Kuehlanlagen verantwortlich.
    Menschlich habe ich damals fuer mich sehr viel dazu gelernt. Ich wollte sogar 2jahre bleiben, um Kapverdianer zu Elektrikern auszubilden. Familiaer wars leider nicht moeglich.
    Mittlerweile bin ich in pension und habe vor, die Kapverden einmal zu besuchen.
    Gehoert habe ich, dass unsere damalige Anlage schon seit laengerem nicht mehr steht.
    Wir hatten damals eine hochmoderne Anlage gebaut. Man bedenke, fallen die Kuehlanlagen aus, ist alles kaputt. Der Lebensmittelbetrieb erfordert auch einen gewissen Hygienestandard.
    Zu erwaehnen waere noch der damals herrschende Klassenunterschied mit einer kleinen reichen Oberschicht.
    Falls ein Leser dieses Projekt kannte, schreiben sie mir.