Das Afrika das wir nicht sehen – Auf dem Weg in die globale Gesellschaft

erschienen am 17.3.2016 im Südsteiermark Magazin Box:

Das Afrika das wir nicht sehen
– Auf dem Weg in die globale Gesellschaft

Die Flüchtlingsdebatte verstärkt unser Bild von Afrika als einem Kontinent der Armut und Katastrophen und verstellt uns den Blick auf das Wesentliche: das Entstehen der globalen Gesellschaft. Im Zusammenspiel von Globalisierung und Digitalisierung ist Afrika längst ein Kontinent der Chancen und dynamischen Realwirtschaft geworden. Die Armut geht in Riesenschritten zurück. Derzeit sehen wir in Europa vor allem die Flüchtlinge hier, übersehen aber die neu entstandene Dynamik dort in Afrika.

Kürzlich bei einer Diskussion im kleinen Kreis. Ein Wort ergibt das andere, wir landen bei der Flüchtlingsdebatte. Wie damit umgehen? Ein Ende des Flüchtlingsstroms scheint nicht absehbar. Bis einer sagt: „Und bald werden 150 Millionen Afrikaner vor den Toren Europas stehen!“ – Stille. Die Machtlosigkeit war mit Händen zu greifen.

Der Kontinent der Armut und Katastrophen

Da ist es wieder, das Bild des schwarzen Kontinents der Armut und Katastrophen. Bürgerkrieg in Libyen, Boko Haram im Norden Nigerias, Al-Shabab Anschläge in Kenia, Islamisten in Mali, Bürgerkrieg auch im Süd Sudan– „ganz Schwarz-Afrika droht in den Sog von Gewalt und Chaos gezogen zu werden“. Diese Prophezeiung des Bestseller Autors Scholl-Latour in seinem Buch Afrikanische Totenklage aus dem Jahr 2003 scheint nun (endlich) Wirklichkeit zu werden.

Werden nach den Kriegsflüchtlingen aus dem Nahen Osten nun die Afrikaner Europa überschwemmen?

Ein ganz anderes Afrika

1982, Kap Verde, Pedra Badejo, eine Kleinstadt mit etwa 5000 Einwohnern, 5 Autos, noch kein Fernsehen. Wir waren damals sehr engagiert, neugierig und – ja – idealistisch. Wir haben alte herunter gekommene Häuser gesucht, diese angemietet, hergerichtet und sind eingezogen. Mitten drinnen unter den Einheimischen. Wir versuchten die Idee der Städtepartnerschaft Pedra Badejo – Leibnitz zu leben – von Tischler zu Tischler, Maurer zu Maurer und Gemeinde zu Gemeinde.

Damals habe ich eng mit Menschen in absoluter Armut – so nennt die Wissenschaft das heute – zusammengearbeitet. Eine der gelebten Erkenntnisse: Arme kaufen die Dinge des täglichen Bedarfs stets teurer ein. Ein Grundprinzip von wirtschaftlicher Entwicklung. Das Wasser an den öffentlichen Wasserstellen kostet pro Liter immer mehr als das Wasser aus der eigenen Wasserleitung. Die einzelne Semmel am Markt immer mehr als im Supermarkt, den es damals noch nicht gab.

Nach knapp drei Jahren Kap Verde reiste ich dann beruflich drei Jahrzehnte lang regelmäßig in afrikanische Länder wie Senegal, Simbabwe, Uganda, Mosambik, Tansania, Äthiopien, Kenia, Namibia, Angola oder Südafrika. Von Jahr zu Jahr arbeitete ich dabei mit Menschen zusammen, die immer optimistischer und besser ausgebildet waren und unter immer besseren Lebensbedingungen lebten. Ich habe stets ein Afrika der Vitalität und Lebensfreude erlebt, ein Afrika der Veränderungen, der sozialen Innovationen, der Netzwerke und der Realwirtschaft.

Heute existiert das Kap Verde von damals oder das Nachkriegs-Mosambik der 1990er Jahre nicht mehr. Supermärkte, Verkehrsstaus, Internet-Unternehmen und ein reger Austausch mit anderen Ländern prägen das Bild. In meinem Buch Der Schwarze Tiger – Was wir von Afrika lernen können habe ich den Eintritt der afrikanischen Länder in die globale Gesellschaft beschrieben.

Wie aber passt dieses Afrika mit unserem in der Öffentlichkeit vermittelten Bild eines Afrikas der Katastrophen zusammen?

Die Konstante der Menschheitsgeschichte

Gar nicht! Wir in Europa gehen von einer falschen Grundannahme aus: Die Welt wird immer schlechter und die Menschen immer ärmer. Global gesehen ist das Gegenteil der Fall. Es ist die seit Menschengedenken stets zunehmende Arbeitsteilung und der stets zunehmende Handel, der nun auch die Armut in den restlichen Ländern der Welt zurückdrängt. – Die zunehmende Arbeitsteilung ist die Konstante der Menschheitsgeschichte.

1990 lebten knapp zwei Milliarden Menschen in absoluter Armut. Das war mehr als ein Drittel der Menschheit. 2015 waren es 700 Millionen Menschen, weniger als 10% der Erdbevölkerung.

Das heute radikal Neue dabei, das wir auch in Österreich spüren: Globalisierung und Digitalisierung haben die Arbeitsteilung auf ein globales Niveau gehoben und verändern alle unsere Lebens- und Arbeitsbereiche. Letztlich ist es das, was das Zusammenleben der zukünftig neun Milliarden Menschen auf der Erde erst ermöglicht.

 

Die vernetzte globale Gesellschaft

… ist das Big Picture der Flüchtlingskrise und der Entwicklungen in Afrika. Die alten überkommenen Bilder verstellen uns den Blick darauf:

  1. Kriegsflüchtlinge und Wirtschaftsmigration sind zwei grundlegend unterschiedliche Phänomene.
  2. Kriegsflüchtlinge kommen nicht aus Afrika, sondern von ganz bestimmten Krisen. Die können natürlich auch in Afrika liegen. Aber Afrika ist nicht Boko Haram oder Somalia, genauso wenig wie Europa die Ukraine ist.
  3. Bei der Wirtschaftsmigration gibt es keine „Fluchtursachen“ die wir bekämpfen können. In der globalen vernetzten Gesellschaft werden immer mehr Menschen der Armut entkommen und dorthin ziehen wollen, wo sie glauben mehr Chancen und ein besseres Leben zu finden. Die Wirtschaftsmigration wird ganz automatisch zunehmen. Und das ist gut so und liegt in der Natur der vernetzten globalen Gesellschaft.
  4. Damit müssen wir in Europa lernen umzugehen. Eine kluge Einwanderungspolitik hier ist das Gebot der Stunde. Gleichzeitig müssen wir dort bei den Dynamiken in den afrikanischen Ländern dabei zu sein.

Die Afrikaner werden Europa nicht überschwemmen. Dafür gibt es viel zu viele Chancen und Dynamiken in den eigenen afrikanischen Ländern. Europa muss sich aber finden und Klarheit verschaffen, was es der Welt da draußen geben kann und wie es die globale Gesellschaft mitgestalten will.

Eine Antwort auf „Das Afrika das wir nicht sehen – Auf dem Weg in die globale Gesellschaft“

  1. Ich bin als Agrarunternehmer seit mehreren Jahren mit Ugandischen Kaffeekooperativen im Geschäft (Robusta Kaffee) und kenne aus diesem Grund die meisten Regionen in Afrika auch ganz gut. Seit Jahren kämpfe ich daher gegen die fortlaufende Ignoranz der Europäer und v.a. gegen den, wie ich ihn nenne, „Gutmenschen-Rassismus“ der NGO-Industrie, die das Bild vom „hungernden Negerkind“ zum lukrativen Geschäft gemacht hat. Die fortlaufende Infantilisierung der „armen Afrikaner“ hat sicher mit dazu beigetragen, dass ein verklärtes Bild vom afrikanischen Kontinent entstanden ist, ganz so als ob alle Afrikaner totale Tschopperln wären. Ich jedenfalls habe in Afrika mehr über Pflanzenbau und Landwirtschaft von den dortigen Bauern und Agraringenieuren gelernt, als auf der Uni und in der hiesigen Agrarwirtschaft (bin Pflanzen- bzw. Agrarbiologe).
    Nachdem der europäische Kaffeemarkt aber vom Billig-Robusta aus Vietnam überschwemmt wird, auf den sich v.a. die Kapsel-Produzenten stürzen, Vetternwirtschaft den europäischen Kaffee-Rohwarenhandel (v.a. in Italien) bestimmen und nicht zuletzt auch der 100%-Arabica Trend bekannter coffee-to-go Ketten aus den USA bei uns Einzug gehalten hat, mussten wir schweren Herzens den Robusta-Handel auf Eis legen (zumindest bis der gegenwärtige Rekord-Niedrigpreis wieder besser ist). Eine Zusammenarbeit mit namhaften Zertifizierungs-Labellehnen viele Kooperativen mittlerweile aber auch entschieden ab, weil sie sichdadurch abermals vom Westen bevormundet fühlen. Aber meine unermüdlichen Partner gaben nicht auf, sondern fokussieren sich jetzt auf Kautschuk. Letztlich ist das aber wieder ein Beispiel dafür, wie flexibel sie sind, anders als unsere „Mais-Bauern“, die nach 30 Jahren Mais-Monokultur verzweifelt waren, nachdem die Monokultur – aus gutem Grund – verboten wurde. Neben dem alljährlichen Arbeitsaufwand einen EU-Förderantrag auszufüllen, kommt jetzt auch noch das Nachdenken über den Anbau andererKulturen hinzu. Das überfordert! Ich arbeite daher gerade an der Konzeption der „Umgekehrten Entwicklungshilfe“: Afrikanisches Know-how für unsere Bauern, weil gerade das Know-how im Boden- und Wassermanagement, dass v.a. burkinische Bauern haben, ihnen dabei helfen könnte, passende Alternativen zum Mais zu finden. Aber wenn man Afrika immer mit „Entwicklungshilfe und Hunger“ in Verbindung bringt, da man ständig die Werbeplakate namhafterEntwicklungshilfsorganisationen an denAmpelkreuzungen sieht, dann darf man sich auch nicht weiter wundern. Und das Mode-Studium „International Development“ ist gerade jetzt sehr hip unter den „Millennials“, was aber weiter Wasser auf die Mühlen derEntwicklungsindustrie bedeutet, letztlich aber nur ein Ausdruck der geistigen Rückständigkeit unseres alten Kontinenten ist, der nach wie vor im Kolonialismus verhaftet zu sein scheint.

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