Afrikas Aufschwung und die zunehmende Komplexität

Wird Afrikas Aufschwung von Dauer sein? – Ja! Nachdem die meisten afrikanischen Länder in den letzten fünfzehn Jahren einen ungeahnten Aufschwung erlebt haben, ist das urbane Afrika in die globalisierte Weltgesellschaft eingetreten. Neue Strukturen und Institutionen wurden geschaffen und „verflechten“ die meisten afrikanischen Länder nun mit der restlichen Welt. Damit ist ihr Schicksal aber auch untrennbar mit dieser verbunden.

Wir möchten zeigen, dass die Menschen in Afrika angesichts von Hunger, Bürgerkriegen, Krankheiten und Armut nicht verzweifeln…“, lautet der Aufruf eines Bündnisses von 23 Hilfsorganisationen. Das ist das Bild Afrikas im deutschsprachigen Europa. Afrika ist der Kontinent des Hungers und der Katastrophen.

Dieses Afrikabild verstellt uns aber die Sicht auf genau das, was in einzelnen afrikanischen Ländern tatsächlich geschieht. Der Entwicklungsschub der letzten 10 bis 15 Jahre ist bei uns an der breiten Öffentlichkeit völlig vorbei gegangen.

Afrika ist der schnellst wachsende Kontinent, jetzt im 15. Jahr fortwährenden Wirtschaftswachstums. Die meisten Länder wachsen jährlich mit mehr als fünf Prozent, mittlerweile gibt es im Afrika südlich der Sahara 22 „Middle-Income“-Länder, 2025 sollen es 35 sein. Das Pro-Kopf-Einkommen ist im letzten Jahrzehnt in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara, also dort wo wir die größten Katastrophen vermuten, um durchschnittlich 30% gestiegen. Und all die anderen Indikatoren zur Messung der Lebensqualität wie Kindersterblichkeit, Lebenserwartung, HIV-Infizierung usw. haben sich deutlich verbessert.

Mehrere Faktoren liegen Afrikas Aufschwung zugrunde und stehen in positiver Wechselwirkung zueinander:

Erstens, die Politik und das Management von Regierungen, öffentlichen Institutionen, Infrastrukturen und Unternehmen haben eine neue Qualität bekommen. Eine neue, gut ausgebildete Generation besetzt immer mehr Führungspositionen. Und die politischen Strukturen haben sich gewandelt. Gab es im Jahr 1990 nur drei Demokratien in Afrika, sind es mittlerweile 25. Wenn auch unterschiedlichster Qualität. Und in 51 der 55 Staaten gibt es immerhin Mehrparteiensysteme. Insgesamt öffnen sich die Gesellschaften für Pluralismus und Bürgerpartizipation. Auch deswegen schrumpft die Zahl der kriegerischen Auseinandersetzungen kontinuierlich.

Zweitens, ein immer größerer Anteil der Menschen lebt in den Städten. Während sich uns sofort die Bilder von Slums und Armut aufdrängen, ist die Wirklichkeit eine differenziertere. Viele Menschen entkommen der ländlichen Armut und beteiligen sich an einer höherwertigen, arbeitsteiligen Wirtschaft. Die Produktivität der Gesamtwirtschaft steigt. Eine verbesserte materielle Versorgung wird ermöglicht, ein Freiraum für kulturelle und persönliche Aktivitäten geschaffen. Längst dominiert eine schnell wachsende Mittelschicht die Entwicklung.

Drittens, die demografische Entwicklung fördert den Aufschwung. Die Menschen in afrikanischen Ländern leben immer länger und bekommen immer weniger Kinder. Die arbeitenden Menschen müssen dadurch weniger Kinder und Alte versorgen. Den einzelnen Gesellschaften fällt in den nächsten Jahren diese so genannte „demografische Dividende“ zu, die auf den anderen Kontinenten längst aufgebraucht ist.

Viertens, die afrikanischen Länder sind längst Teil des weltweiten Informations- und Kommunikationsnetzwerkes. Moderne Technologien ermöglichen und befördern den gesellschaftlichen Wandel. „Im Informationszeitalter wird es keine unterentwickelten Länder mehr geben, höchstens noch „stupide“ Länder“, meinte Peter Drucker schon in den 1980ern. Mit dem Zugang zum weltweiten Informationsnetz – und dem gleichzeitigen Anstieg des Bildungs- und Ausbildungsstands der Menschen – ist der Zugang zu Wissen und Know-how kein Privileg einiger weniger mehr. Es liegt am einzelnen Land, seinen Platz in der Weltgesellschaft zu finden.

Damit sind in den letzten Jahren Länder wie Mosambik, Tansania, Uganda, Ruanda, Ghana und viele andere in die globalisierte Weltwirtschaft eingetreten. Sie beziehen jetzt Güter und Dienstleistungen vom Weltmarkt und greifen zu auf Innovationen, technischen Fortschritt, weltweit vernetzte Produktionsketten, eine komplexe globale Transportlogistik, globale Kommunikationsstrukturen, insgesamt auf all das, was die immer größere Arbeitsteilung der Menschheit an Fortschritt gebracht hat.

Wird der Aufstieg von Dauer sein? Oder wird Afrika wie in den 1980er wieder zurückfallen? Das Hauptargument der Skeptiker ist die fehlende Industrialisierung und damit der geringe Anteil des verarbeitenden Sektors an der Gesamtwirtschaft (siehe auch dazu eine Debatte im Economist). Sobald die Rohstoffpreise wieder sinken, wird befürchtet, werden alle die Länder mit ihren Erdöl-, Erdgas, Kohle-, seltene Erden, Bauxit-, Erz- und anderen Vorkommen einen jähen Absturz erleben.

Ich meine aber, dass mit dem Schub an zunehmenden Verflechtungen, Vernetzungen und daraus resultierenden gegenseitigen Abhängigkeiten eine neue Situation entstanden ist. Die Industrialisierung, also der Anteil des verarbeitenden Sektors an der Gesamtwirtschaft, ist nur mehr einer der richtungsweisenden Indikatoren. Darüber hinausgehend dominieren immer arbeitsteiligere globale Wertschöpfungsketten die Wirtschaft, deren Treiber immer mehr private Unternehmen sind.

Zudem binden immer mehr regionale und supranationale Institutionen die einzelnen afrikanischen Staaten politisch und beschränken deren nationale Souveränität. Die Zeit der „Big Man“ neigt sich dem Ende. (Präsident Mugabe aus Simbabwe ist 89 Jahre alt.) Das einzelne alles dominierende große Machtzentrum rund um den Präsidentenpalast eines Landes ist längst abgelöst durch viele unterschiedliche dezentrale Schaltstellen, wo viele wichtige Entscheidungen für die weitere Entwicklung der Länder getroffen werden.

Diese neue Situation zwingt nun die einzelnen afrikanischen Staaten zum Mitmachen. Nur wenn der eigene Staat vielschichtig „komplex“ aufgestellt ist, kann auch mit der zunehmenden Komplexität der neuen Weltordnung sinnvoll umgegangen werden. Kompetente Ministerstäbe, kompetente Gremien für multilaterale Verhandlungen, funktionierende Unternehmerverbände, funktionierende Institutionen und physische Infrastrukturen müssen geschaffen werden. Sie sind Voraussetzung dafür, dass die neuen Möglichkeiten für die eigene Entwicklung genutzt werden können.

Nicht dabei zu sein, ist für den einzelnen afrikanischen Staat in der Regel keine Alternative mehr. Der Preis wäre viel zu hoch. Präsident Mugabe hat es mit seinem Land Simbabwe vorgemacht. Ab dem Jahr 2000 hatte er sein Land isoliert und ist aus der globalisierten Weltwirtschaft ausgestiegen. Mit fatalen Folgen: wirtschaftlicher Verfall, Verarmung der Menschen und Auswanderung von einem Viertel der Bevölkerung.

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