Sind Rohstoffe gut für die Entwicklung?
Die Demokratische Republik Kongo (DRC) hat mit einem aufsehenerregenden Debüt den Einstieg in die globalen Kapitalmärkte geschafft: eine Eurobondanleihe im Wert von 1,25 Milliarden US-Dollar, die vierfach überzeichnet war. Die Emission wurde in Tranchen mit Laufzeiten von 5 und 10 Jahren und Renditen von 8,75 % bzw. 9,5 % strukturiert. Sie wurde weithin als Zeichen des Vertrauens der Investoren in das Land gewertet.
Kongos Eurobond-Deal spiegelt zudem einen umfassenderen globalen Wandel wider. Da die Nachfrage nach kritischen Rohstoffen – angetrieben durch Elektrifizierung, KI und die Energiewende – zunimmt, fließt Kapital zunehmend in Länder, die über Kobalt, Kupfer, Lithium, Seltene Erden und andere Mineralien verfügen.
Auf den ersten Blick erscheint dies alles logisch und rational. Knappheit treibt den Wert in die Höhe; strategische Ressourcen ziehen geopolitische Aufmerksamkeit auf sich; die Märkte reagieren.
Aber Staatsanleihen sind nicht nur eine Wette auf Rohstoffe. Sie sind eigentlich eine Wette auf die Fähigkeit eines Landes, nachhaltige wirtschaftliche Erträge zu erzielen, um die Verbindlichkeiten begleichen zu können. Das erfordert weit mehr als nur Bodenschätze. Es erfordert funktionierende Institutionen, politische Stabilität, Infrastruktur und eine breit angelegte wirtschaftliche Entwicklung.
Worauf also setzen die Investoren da genau?
Ressourcen sind kein Schicksal – Institutionen sind es
Seit Jahrzehnten versuchen Ökonomen zu erklären, warum manche rohstoffreiche Länder für ihre Bevölkerung Wohlstand schaffen, während andere stagnieren. Eine der einflussreichsten Erklärungen stammt von Daron Acemoglu und James Robinson, die zwischen inklusiven und extraktiven (ausschließenden, ausbeuterischen) Institutionen unterscheiden.
- Inklusive Institutionen verteilen Macht breit gestreut, garantieren Eigentumsrechte und schaffen Anreize für Investitionen und Innovationen.
- Extraktive Institutionen konzentrieren die Macht in den Händen einer kleinen Elite, legen den Schwerpunkt auf die Gewinnerzielung der Eliten und schränken eine breite Teilhabe der Bevölkerung am Wirtschaftsleben ein.
Die Schlussfolgerung ist klar: Nicht natürliche Ressourcen bestimmen das wirtschaftliche Wohl eines Landes, sondern die Institutionen des Landes – also all die Regeln, Gesetze und Anreizstrukturen, die das wirtschaftliche und politische Verhalten in einer Gesellschaft steuern.
Dies hilft, eine Auffälligkeit zu erklären. Weltweit gesehen sind rohstoffreiche Länder in der Regel arme Länder. Nur eine Handvoll sind als wirtschaftliche Erfolgsgeschichten:
- Norwegen mit transparenter Regierungsführung und diszipliniertem Management der Öleinnahmen,
- Botswana, das seinen Diamantenreichtum in nachhaltiges Wachstum und institutionelle Stärke umwandelte,
- Chile, das seinen Kupferreichtum mit einer glaubwürdigen makroökonomischen Politik verbindet,
- und in einem gewissen Maße auch Kanada und Australien, wo aber die Rohstoffgewinnung bereits in diversifizierte institutionelle Systeme eingebettet wurde.
Was diese Länder verbindet, ist nicht die Geologie, sondern die Regierungsführung. Der Rohstoffreichtum hat den wirtschaftlichen Erfolg nicht geschaffen – er hat lediglich dazu beigetragen.
Der „Fluch der Rohstoffe“: Reichtum ohne Entwicklung
In vielen rohstoffreichen Ländern verläuft die wirtschaftliche Entwicklung aber andersherum. Länder wie Angola, Nigeria, Äquatorialguinea und der Südsudan verfügen über enorme natürliche Ressourcen, haben jedoch Schwierigkeiten, eine breit angelegte wirtschaftliche Entwicklung zu schaffen.
Wenn Rohstoffreichtum auf extraktive Institutionen trifft, haben die herrschenden Eliten einen Anreiz, sich auf kurzfristige persönliche Gewinne für sich selbst, ihre Familien und Freunde zu konzentrieren; anstatt in das langfristige nationale Wohlergehen des Landes zu investieren.
Es gibt jedoch eine Ausnahme in Afrika.
Botswana – die Ausnahme, die die Regel bestätigt
Botswana ist ein Beispiel dafür, was geschieht, wenn inklusive Institutionen bestehen bevor mit dem Rohstoffabbau begonnen wird.
Zur Zeit der Unabhängigkeit im Jahr 1966 gehörte das Land zu den ärmsten Ländern der Welt. Kurz darauf wurden Diamantenvorkommen entdeckt. 1969 handelte Botswana unter Präsident Seretse Khama ein Joint Venture mit dem südafrikanischen Konzern De Beers aus. Ein Joint Venture wurde gegründet, mit einem 50% Anteil des Staates Botswana und den entsprechenden laufenden Einnahmen aus dem Diamantenabbau.
Entscheidend war dann, dass die Staatseinnahmen in öffentliche Güter – Bildung, Infrastruktur und Gesundheit – investiert wurden. Mit großem Erfolg für eine breitere wirtschaftliche Entwicklung:
- 1970er/80er Jahre: 13–15% jährliches Wirtschaftswachstum
- 1990er: 6–9%
- 2000er: 4–6%
Botswana ist dem Fluch der Rohstoffe entgangen, weil es frühzeitig inklusive Institutionen aufgebaut hatte.
Worauf sollten Anleger achten?
Wenn Anleger heute in Staatsanleihen aus rohstoffreichen Schwellenländern investieren, überschätzen sie dann den Wert dieser Rohstoffe? Und unterschätzen sie die Bedeutung der Institutionen?
Rohstoffreichtum erhöht das Risiko, dass sich extraktive Institutionen verfestigen und eine gedeihliche wirtschaftliche Entwicklung untergraben. In solch einem Umfeld werden die Einnahmen des Staats abgeschöpft und nicht reinvestiert – was genau das Wachstum einschränkt, das für eine nachhaltige Bedienung der Staatsanleihen erforderlich ist.
Fazit: Blick über die Erde
Die Ressourcenknappheit wird die globalen Märkte in den kommenden Jahrzehnten prägen. Doch für Anleger, die in Staatsanleihen aus rohstoffreichen Schwellenländern investieren, ist die entscheidende Variable nicht das, was unter der Erde liegt – sondern wie es darüber aussieht. Wie Macht, Anreize und Institutionen im betreffenden Land gestaltet sind.
Sind die Institutionen des landes inklusiv oder extraktiv?
Werden die Einnahmen aus dem Rohstoffabbau breit reinvestiert oder von einer Elite abgeschöpft?
Gibt es eine glaubwürdige Diversifizierung der Wirtschaft?
Diese Fragen sind weniger sichtbar als Rohstoffvorkommen – aber weitaus aussagekräftiger für die Bonität von Staatsanleihen.
Auch im Falle der Demokratischen Republik Kongo sollten solche Fragen nicht unter den Teppich gekehrt werden, obwohl das Land kürzlich eine Partnerschaft mit der aktuellen US-Regierung eingegangen ist.
Natürliche Ressourcen schaffen Chancen und Risiken.
Institutionen bestimmen die Ergebnisse.
