Praia, im März 2025

Zwischen Europa und Kap Verde vollzieht sich derzeit eine bemerkenswerte Umkehrung:

Früher blickten die Kapverdianer nach Europa, um sich ihre Zukunft vorzustellen.
Heute können wir Europäer nach Kap Verde schauen, um unsere Zukunft zu sehen!

Hier in Praia, der Hauptstadt von Kap Verdes, war ich gerade im Haus einer alleinerziehenden Mutter. Sie lebt mit ihren beiden jüngsten Kindern zusammen. Die drei älteren Kinder sind bereits ausgezogen – eines nach Frankreich, zwei nach Portugal. Mit dem Geld, das sie nach Hause schickten, wurde das Haus vor kurzem saniert.

Migration

Migration ist in Kap Verde ein System, eine Strategie und eine Lebensader.

In den 1980er Jahren habe ich fast drei Jahre lang hier gelebt. In einer vor-modernen Gesellschaft war das nationale Fernsehen gerade im Entstehen, Autos waren selten und Arbeit und Handel waren kleinräumig organisiert (natürlich gab es keine Mobiltelefone und kein Internet).

Aber schon damals lebten die Kapverdianer zu einem großen Teil von der Migration. Die Menschen gingen ins Ausland, in der Hoffnung, mit Erfahrungen, Ersparnissen und Würde zurückzukehren.

Nach 40 Jahren …

… ist das Land nicht wiederzuerkennen.

Die Führungselite ist in Europa, den USA oder an Kap Verdes eigenen Universitäten ausgebildet. Sie bewegt sich in transnationalen Netzwerken, die sich von Lissabon und Paris bis nach Boston und London erstrecken.

Der Mindset und die Vernetzungen beschränken sich nicht nur auf die Führungskräfte. Bauarbeiter, Handwerker, Köche, Pflegekräfte, Kleinunternehmer – viele haben sich im Ausland eine Existenz aufgebaut und Respekt und Fähigkeiten erworben, die sie in ihre Heimat zurückbringen.

Das kleine Kap Verde mit seinen etwa 500.000 Einwohnern ist wahrscheinlich das Land mit der größten Vernetzungsstiefe hinein in die vernetzte globale Gesellschaft. Die Menschen bewegen sich, arbeiten, lernen und knüpfen mit bemerkenswerter Leichtigkeit grenzüberschreitende Kontakte.

Und Europa?

Wir in Europa tun uns schwer, uns mit den neuen Realitäten zu arrangieren. Wir agieren nicht proaktiv, sondern werden gezwungen zu reagieren in einer Welt, die immer mehr von Mobilität, Migration, Diaspora und transnationalen Netzwerken geprägt wird. Kap Verde zeigt mit seiner geringen Größe und Agilität, wie zukünftig eine globale Integration aussehen kann.

In diesem Bereich stellt sich nicht mehr die Frage, ob Kap Verde zu Europa aufschließen wird. Die Frage ist, ob Europa zu der Welt aufschließen wird, in der die Kapverdianer bereits leben.

Wann werden wir erkennen, dass die Zukunft Europas schon seit geraumer Zeit eine globale ist?

Und wann werden wir lernen, mit dieser Realität so umzugehen, dass wir wieder mit Begeisterung in genau diese Zukunft Europas blicken können?

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