Als im November 2017 das französische Telekom-Unternehmen Orange verkündete, dass es in Frankreich ab sofort auch vollumfänglich als Bank agiere und 25 Prozent Marktanteil im Onlinebanking anstrebe, war vielen klar, dass unseren in Bedrängnis geratenen Banken nun auch Verdrängung durch die Telekom-Unternehmen droht.
Nur wenigen aber war bewusst, dass damit eine in Afrika entwickelte Technologie erstmals zu einer für Europa relevanten disruptiven Innovation werden kann. Denn das Bankgeschäft hat Orange in 14 afrikanischen Ländern gelernt, wo es seit einigen Jahren sog. mobile Banken betreibt.
Mobile Banken sind in afrikanischen Ländern Standard. Nicht nur in florierenden Volkswirtschaften wie in Kenia oder Tansania, auch in »Failed States« wie Somalia.
Die Ausbreitung der Mobiltelefonie hat vor allem über Wertkartentelefone stattgefunden, also Prepaidsysteme. Dabei wurde die Möglichkeit eingeräumt, Telefonguthaben von einem Mobiltelefon auf ein anderes zu übertragen. Im Jahr 2007 wurde genau auf dieser Idee aufbauend die erste »mobile Bank« in Kenia gegründet: M-Pesa.
Ihr Geschäftsmodell, die Mobiltelefonnummer gleichzeitig auch als Bankkontonummer zu nutzen, setzte sich rasant durch. Heute gibt es in Subsahara-Afrika etwa 140 mobile Banken mit über 100 Mio. Nutzern.
»Leapfrogging« – das Überspringen von Technologien – ist zum Schlagwort für Afrika geworden. Mit der Mobiltelefonie wurde die Festnetztechnologie übersprungen und mit dem Mobile Money das Filialnetz der Banken. Und jetzt erfolgt der Masseninternetzugang nicht über Desktopcomputer, sondern gleich über Mobiltelefone. Afrika wurde zum ersten – und einzigen – »mobile-only«- Kontinent.
Und entwickelt eine bei uns viel zu wenig beachtete eigene Dynamik. In Metropolen wie Lagos, Johannesburg, Nairobi, Kigali oder Accra befruchten sich lokale und internationale Unternehmen, Universitäten und rege Start-up-Szenen gegenseitig. Anfang des Jahres wurden am Kontinent bereits 442 Co-Working-Institutionen, Inkubatoren und Start-up Accelerators gezählt. 560 Mio. USD wurden im Vorjahr von Venture-Kapital- fonds investiert, vor allem in Südafrika, Kenia und Nigeria. Und auch in Ruanda, Ghana, Ägypten, Uganda, Senegal und Marokko.
Mit Mobile Money als Basistechnologie haben sich Lernhilfe-Apps für Millionen von Schülern und Gesundheitsvorsorgemaßnahmen für Menschen in den entlegensten Regionen rasant und in neuer Qualität verbreitet. Im Energiebereich wurden im östlichen Afrika bereits für 1 Mio. ländliche Haushalte einfache Solar anlagen zur Stromerzeugung installiert.
Unternehmertum des 21. Jahrhunderts
Diese Anlagen werden auf Kredit gekauft, je nach Größe 10 bis 20 EUR Anzahlung und nochmals so viel an monatlichen Rückzahlungen. Die findigen Anbieter haben in die Anlagen eine SIM-Karte eingebaut und die Zahlungen der Kunden erfolgen mittels Mobile Money. »Besichert« ist der Kredit – ja, richtig – durch das extern mögliche Abschalten der Anlage.
Die monatlichen Kosten der Haushalte entsprechen ungefähr den Kosten, die diese zuvor für Brennholz und Kerosin zur Abendbeleuchtung haben aufbringen müssen. Dafür aber gibt es jetzt elektrisches Licht, Radio, eventuell Fernsehen und vor allem ermöglicht es das Aufladen der allgegenwärtigen Mobiltelefone. Bei größeren Anlagen kann auch ein Kühlschrank oder eine Herdplatte angeschlossen werden.
Manche Nutzer haben ihre Solaranlage bereits voll zurückbezahlt und haben sich in einem zweiten Schritt von den anbietenden Unternehmen eine aufladbare Taschenlampe, ein Radiogerät, einen Fernsehapparat oder ein sonstiges – oft eigens für die Zielgruppe entwickeltes – Haushaltsgerät gekauft. Wiederum auf Kredit und wiederum besichert durch das mögliche Abschalten der Solaranlage.
Der jeweilige Anbieter hat sich damit einen fixen Platz direkt beim Kunden gesichert. Aber natürlich nur, soweit er das aufgebaute Vertrauen nicht enttäuscht. Die derzeit führenden Unternehmer gehen hochprofessionell vor, mit eigenem Callcenter, einem engmaschigen Netzwerk von Kundenbetreuern und insgesamt einer Managementphilosophie, die den Nutzen für den Kunden in den Mittelpunkt stellt.
Das Berliner Unternehmen Mobisol ist einer dieser Anbieter. Sein Ziel ist, bis zum Jahr 2023 20 Mio. Menschen in Afrika mit einer leistbaren und nachhaltigen Energieversorgung ausgestattet zu haben. Das2011 als typisches Start-up gegründete Unternehmen beschäftigt heute bereits 750 Mitarbeiter, ist in Tansania, Ruanda und Kenia mit eigenen Niederlassungen tätig und in neun weiteren Ländern über Kooperationspartner. Allein im letzten Jahr haben Investoren 25 Mio. in Mobisol investiert – ein Zeichen, wie sehr diese an den langfristigen Erfolg des Geschäftsmodells glauben.