Papst Franziskus und die globalisierte Welt

Mit Papst Franziskus setzt die Kirche auf Einfachheit. Aber zurück zum einfachen Leben kann nicht die einzige Antwort auf die globalen Herausforderungen sein. Die zunehmende Komplexität der globalisierten Welt verlangt neue Lösungen.

„Er ist ein einfacher Mann, ein Franziskaner …“ berichtet der Korrespondent live vom Petersplatz. Gerade wurde der argentinischen Kardinal Jorge Mario Bergoglio überraschend zum Papst gewählt. In den österreichischen Spätnachrichten verhaspelt sich der Vatikan-Kenner und braucht einige Zeit um das richtig zu stellen. Jorge Mario Bergoglio ist kein Franziskaner, sondern Jesuit. Aber er lebt so einfach wie ein Franziskaner, wie „der Nachbar von nebenan“.

Mit dieser Papstwahl setzt die Kirche auf Einfachheit und das ist ein starkes Zeichen. Die einfache Lebensweise des bisherigen Kardinals wird der zunehmenden Komplexität der globalisierten Welt mit all ihren globalen Herausforderungen gegenübergestellt.

Zudem ist Papst Franziskus der erste Papst aus der nicht-westlichen Welt und er steht für die Sorge um die Armen der Welt. Die diversen Vatikankorrespondenten berichten, dass sich Jorge Mario Bergoglio bisher mit Kritik an den Schattenseiten der Globalisierung nicht zurück gehalten hat.

Die Einfachheit des neuen Papstes wird viele Menschen begeistern. Und sie gefällt umso mehr, als wir in einer immer komplizierteren und vielschichtigeren Welt leben. Der Vernetzungsgrad der Menschen steigt exponentiell, nicht nur durch Mobiltelefonie und WLAN, auch persönlich und beruflich werden die Verflechtungen und gegenseitigen Abhängigkeiten immer deutlicher. Unser Leben ist unabdingbar mit der Funktionsfähigkeit der Autozulieferer in Japan, den Lohnsteigerungen in Schanghai oder den Ernteausfällen in Brasilien und Madagaskar verbunden. Die „Komplexifizierung“ (Fredmund Malik) aller unserer Lebenssphären ist das Zeichen unserer Zeit. Da ist es keine Wunder, dass wir uns nach Einfachheit sehnen.

Um mit dieser immer komplexer werdender Umwelt umzugehen, haben wir  – so lehren uns die Systemwissenschaften – grundsätzlich zwei Möglichkeiten. Erstens, wir reduzieren oder „dämpfen“ die Komplexität unserer Umwelt. Zum Beispiel verzichten wir auf Fernreisen und müssen uns nicht mehr mit einer unüberschaubaren Angebotsvielfalt, den notwendigen Tropenschutzimpfungen, der Kriminalität in den Reiseländern usw. herumschlagen. Das vereinfacht jedenfalls unser Leben und vielleicht werden wir auch zufriedener.

Die zweite Möglichkeit ist, wir erhöhen unsere eigene „Komplexität“ indem wir neue Hilfsmittel und Werkzeuge verwenden, ein neues Denken einsetzen oder einfach lernen, wie die Welt heute da draußen funktioniert. Zum Beispiel habe ich immer ein eigenes Navi dabei, wenn mich Taxifahrer in der unübersichtlichen südafrikanischen MegacCity Johannesburg zu einem bestimmten Ort bringen sollen. Ich verhindere damit, dass der Lenker den Weg nicht findet oder dass der Fahrpreis in die Höhe getrieben wird. Oder ein Unternehmen beauftragt Marktforschung und ist so in der Lage, seine Kunden in Kundengruppen einzuteilen, deren Motive zu erforschen und dadurch besser zu bedienen. In beiden Fällen erhöht sich durch Verwendung einfacher „Werkzeuge“ die eigene Komplexität – ich treffe pünktlich bei meinen Terminen in Johannesburg ein. Das Unternehmen erzielt einen besseren Nutzen für seine Kunden, was wiederum einen höheren Umsatz bedeuten kann.

Wie werden nun aber Papst Franziskus und der Vatikan mit der zunehmenden Komplexität der globalisierten Welt umgehen? Der Weg zurück zur Einfachheit entspricht der ersten Möglichkeit im Umgang mit Komplexität.

Aber so einfach ist die Lage nicht. Speziell, wenn sich die Kirche der Sache der Armen annehmen will. Denn die mit der Globalisierung einhergehende Erhöhung der Komplexität ist zugleich auch das wichtige Potenzial für Neues, das das Überleben der sieben und bald einmal neun Milliarden Menschen auf der Welt ermöglicht. Es ist die zunehmende weltweite Arbeitsteilung, die immer mehr Menschen den Zugriff auf Innovationen, technischen Fortschritt, auf weltweit vernetzte Produktionsketten, eine komplexe globale Transportlogistik und globale Kommunikationsstrukturen ermöglicht. Hunderte von Millionen von Menschen wurden in den letzten Jahren mit diesem System aus der Armut geholt. Nicht nur in China, auch in Afrika, wo sich die Zahl der Ärmsten im letzten Jahrzehnt jährlich durchschnittlich um 10 Millionen reduziert hat.

Der Weg zurück zur Einfachheit kann daher nicht die einzige Antwort der Kirche auf die moderne Welt sein. Um in der globalisierten Welt weiter zu überleben, muss wohl auch die Kirche die zweite aufgezeigte Strategiemöglichkeit wahrnehmen und ihre eigene Struktur für den Umgang mit der sich beschleunigenden Welt intelligent verstärken.

Voraussetzung dafür ist aber, dass die Kirche auf Basis ihrer Werte im 21. Jahrhundert ankommt und zum Beispiel ihre Stellung zu Frauen, Empfängnisverhütung und Homosexuellen neu definiert. Denn wie für jede Organisation gilt auch für die Kirche: Gemeinsam verstandene und gelebte Werte sind der wichtigste „Komplexitätsverstärker“ und schaffen ungeahnte neue Möglichkeiten der Entwicklung.

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